Posted in November 2011

Holger, 56, Tortenchef mit Tradition

Holger ist fast 57, auf St. Pauli aufgewachsen und Chefkonditor im eigenen Familienunternehmen an der Hein-Hoyer-Straße. Er kennt St. Pauli wie seine Kitteltasche und hat hier viele Veränderungen beobachtet. Das Interview fand auf Norddeutsch statt.

Moin Moin, wohin des Weges?
Holger: Nur noch auf die Couch. Ich steh schon den ganzen Tag im Laden.
Du bist hier groß geworden. Wie sieht denn die Generation St. Pauli aus? Heute ist sie lebendig! St. Pauli war mal ein toter Stadtteil. Und jetzt ist hier Leben eingekehrt. Weißt du, vor 30 Jahren gab es hier gar keine Kinder. Vor 15 Jahren kamen dann die ersten ausländischen Kinder und heute laufen hier manchmal 50 oder 60 am Tag vorbei – wie neulich an Halloween. Früher sind die deutschen Familien hier weggezogen, sobald die Kinder ins schulpflichtige Alter kamen. Heute bleiben sie. Warum sich das geändert hat? Woll’ma sagen: Latte Macchiato greift an, nech? Dadurch, dass die Wohnungen hier immer teurer werden, kommen ganz neue soziale Schichten. Ich find das ne tolle Entwicklung – denn wer will schon in nem Stadtteil ohne Kinder leben? Und wir können uns auch nich beschweren. Die Leute haben das Geld und kaufen unseren Kuchen. Dem Einzelhandel gehts hier gut, das hör ich von allen Seiten. Aber die Verdrängung der Hartz IV Empfänger find ich moralisch verwerflich. Diese Leute leben hier und möchten hier nich weg. Und dann haben sie einen Quadratmeter mehr, als ihnen zusteht und werden vom Amt verjagt. Du siehst also – die Entwicklungen sind gut und schlecht zugleich.
Mit wem würdest du hier gerne Mal füßeln?
Sehr interessante Gespräche kann man mit dem Apotheker vom Paulinenplatz führen.

Holger wurde von René gefüßelt.

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René, 38, Schuster ohne Dauerkarte

René ist 38, kommt aus den “neuen Bundesländern”, war dort lange arbeitslos und hat schließlich seinen Traumjob auf St. Pauli gefunden. Er liebt den Fußballclub, kommt aber leider nicht an eine Dauerkarte (dies bitte unbedingt als Aufruf verstehen).

Moin Moin, wohin des Weges?
René: Gleich geht’s in die Kneipe nebenan “zur gemütlichen Tankstelle“. Feierabendbier tanken.
Was für Leute lassen sich denn bei Dir die Schuhe hämmern? Leute, deren Schuhe kaputt sind, meistens. Das kann ich schwer eingrenzen. Aber da sind auch schonmal Spezialreparaturen für weiße Lackstiefel dabei, falls du darauf hinaus willst. Hier lebt der Einzelhandel noch. Die Leute bleiben auch gerne Mal fürn Schnack stehen. Aber man merkt, dass die Schanze näher kommt. Immer mehr Schickimicki. Die Mieten steigen und ganz kleine Läden verschwinden. Als ich hier in der Hein-Hoyer-Straße angefangen habe, gabs hier definitiv mehr Bummelshops.
Mit wem würdest du hier gerne Mal füßeln?
Mit Konditor Holger – St. Paulianer ist man eigentlich erst in der dritten Generation. Ich glaube, Holger ist so ein Original.

René wurde von Meier gefüßelt.

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Meier, 38, Fahrrad-Fachverkäufer (auch für Juppies)

Herr Meier (genannt Meier) ist 38 und wohnt seit 1995 auf dem Kiez. Zusammen mit seinen Kollegen betreibt er seit fast 10 Jahren den Fahrradladen Suicycle in der Wohlwillstraße.

Moin Moin, wohin des Weges?
Meier: Kaffee.
Was für Leute wohnen in dieser Ecke? Mehr und mehr Juppies – wenn ich mich da auf nen Begriff festlegen soll. Darunter verstehe ich eine Mischung aus Kinderwagenschiebern (ich selbst habe ja auch drei Kinder), Latte-Macchiato-Trinkern und friedlichen Beobachtern. Ja, Juppies dürfen gern kommen, konsumieren und beobachten. Die sollten sich aber bestenfalls als Gäste wahrnehmen. Pappi hat denen ne Wohnung gekauft und deshalb sind die jetzt erstmal hier und leben sich aus. Man merkt aber, dass auch deswegen unsere Mieten steigen und Migranten und Arme wegziehen. Aber so ist das in dieser Stadt. Hamburg ist eine reiche Handelsstadt und keine Künstlerstadt. Hier wollen die Leute zeigen wer sie sind und was sie haben. St. Pauli war dabei bis vor kurzem ein Refugium – etwas anders, auf ne Art lieberal, man ruft nicht die Bullen, man regelt die Sachen selbst. Das wird leider weniger. Ein bisschen was von diesem Mikrokosmos gibt es nur noch südlich der Reeperbahn.
Mit wem würdest du hier gerne Mal füßeln?
Geh mal zum zu dem Schuster an der Hein-Hoyer-Straße. Uriger Laden.

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Woody, 33, Cleaner auf Hoher See

Woody ist 33, kommt aus Bankok und arbeitet u.a. als Cleaner auf einem Kreuzfahrtschiff, das für eine Nacht im Hamburger Hafen liegt. Er ist zum ersten Mal auf St. Pauli. Das Interview fand auf Englisch statt.

Moin Moin, wohin des Weges?
Woody: In die Herbertstraße, Frauen gucken. Morgen geht es nach Bremerhaven, dann weiter nach Amsterdam und zurück in unseren Heimathafen Southhampton nach England.
Was macht man in einer Nacht auf St. Pauli? Freunde finden. Ich habe schon ein paar Emailadressen. Ich will allen schreiben und sie nach Thailand einladen. Und dann will ich eine große Party für meine Freunde aus Europa organisieren.
Mit wem würdest du hier gerne Mal füßeln?
Ich kenne noch niemanden, der hier wohnt oder arbeitet. AH doch. Sprich doch Mal mit dem Türsteher vom Buddy’s. Der wollte uns erst nicht rein lassen. “Ihr passt hier nicht rein” – hat der gesagt. Aber der Laden war noch komplett leer. Erst beim zweiten Versuch, als wir mit euch rein gegangen sind, hat er nichts mehr gesagt.

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Rambo und Krümel, 22, verlobt auf Platte

Rambo und Krümel sind 22 und wollen im Dezember heiraten. Zusammen mit ihren Hunden Bundi, Ursus, Flauscheball und Scooby-Doo leben sie schon seit ein paar Jahren auf St. Paulis Straßen. Das Interview fand auf Englisch und Deutsch statt.

Moin Moin, wohin des Weges? Rambo & Krümel: Hier zu Ende “arbeiten” und dann für die Familie einkaufen – 15 bis 20 Euro gehen täglich für die Hunde drauf. Das ist mehr, als wir für Essen und Alkohol brauchen.
Inwiefern hat sich die Reeperbahn für euch verändert? Die Jugendlichen werden schlimmer. Ständig werden wir von 15-jährigen Fressen angefotzt. Sie bespucken uns und sagen, wir sollen arbeiten gehen. 15-Jährige! Die saufen ohne Ende und werden dann übermütig. Aber wenn die unsere Hunde (unsere Kinder) treten, rasten wir aus. Dann beginnt der Ärger. Rambo wurde schon mit einem Messer verletzt, einmal haben uns welche mit Benzin übergossen und wollten uns anzünden. Die provozieren bis zum Äußersten. Dann kommen die Bullen und wir kriegen Anzeigen… Minderjährige blabla. Aber davon abgesehen ist die Reeperbahn unsere Heimat. St. Pauli ist einfach St. Pauli – da gibts keinen Vergleich. Der Gang über die Platte ist wie ein Spaziergang über Kontinente. Viele Sprachen, viele Kulturen und einfach locker. St. Pauli eben.
Mit wem würdet ihr hier gerne Mal füßeln?
Gerne Mal mit dem langen dünnen Fascho-Bullen, der uns hier ständig die Hölle heiß macht. Ansonsten schreib uns ne Mail oder sprich Mal mit unserem Streetworker.

Rambo und Krümel wurden von Stephan gefüßelt.

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Tini, 25, lebt im Lärm

Tini ist 25 Jahre alt, wohnt seit über drei Jahren am Hans-Albers-Platz und macht beruflich “Irgendwas mit Mode”.

Moin Moin, wohin des Weges? Tini: Auf den Balkon, für eine Feierabendzigarette.
Wie ist das Leben am Hans-Albers-Platz? LAUT (kichert)! Man weiß das zwar, wenn man hierher zieht, aber man wundert sich trotzdem manchmal, wie laut Menschen sein können. Dann schaut man aus dem Fenster und fühlt sich wie im Film: glatzköpfige Muskelmänner liegen auf dem Boden, umzingelt von Polizisten mit Maschinenpistolen oder betrunkene Engländer grölen zum Schlagermove. Hier ist immer was los. Wenn’s ruhiger ist, hört man manchmal auch die Dialoge der leichten Mädchen und ihrer “Opfer”: “Hey, kommste mit? – Nein ich muss jetzt schnell nach Hause! – Wenn ich dir die Eier leer mache, kannste noch schneller laufen!” – Das ist mein Lieblingsspruch. Es ist schon manchmal anstrengend. Aber ich liebe das Leben hier sehr. Wegziehen ist (noch) keine Alternative. Und wenn ich mal gar nicht schlafen kann, dann muss halt die Wasserpistole her. Der Spaß macht auch die größten Schlafmützen munter.
Mit wem würdest du hier gerne Mal füßeln? 
Mit einem der Penny-Mitarbeiter. Ich mag den Schlacksigen mit der Igelfrisur und dem Goldkettchen.

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Stephan, 33, obdachloser Dichter

Stephan ist 33 und wohnt auf Europas Straßen, seit ein paar Monaten am Spielbudenplatz. Das Interview fand auf Englisch statt.

Moin Moin, wohin des Weges? Stephan: In Richtung Elbe, in mein Nachtlager am Altonaer Balkon.
Wie bettelt es sich auf der Reeperbahn? Sehr gut. Betteln ist ein sehr psychologischer Job. Und die Leute auf St. Pauli sind glücklich. Hier lächeln sie noch und sind sehr offen. Am Wochenende feiern wir hier viele Parties auf meiner kleinen Plastiktüte. Passanten setzen sich zu mir und wollen mit mir anstoßen – aber ich trinke keinen Alkohol. Da wo ich herkomme – aus Bukarest – hat lange Zeit der Kommunismus geherrscht. Da werde ich bespuckt und beschimpft, ich solle gefälligst arbeiten gehen, sagen die. Niemand versteht, dass ich das bereits tue. Ich war kürzlich in Paris, Barcelona, Wien, Stockholm und in Lappland kurz vor dem Polarkreis. Ich liebe die Städte. Ihr Treiben. Sie inspirieren mich und meine Gedichte über das Leben. Alle paar Jahre, wenn ich es in meine Heimat nach Rumänien schaffe, gebe ich sie einem lokalen Kulturmagazin – die veröffentlichen sie dann. Jetzt wird es kalt. Bald breche ich auf in den warmen Süden. Ich will erstmal nach Marokko.
Mit wem würdest du hier gerne Mal füßeln?
Mit Rambo, seiner Freundin und ihren vier Hunden. Die sind Punks und schnorren immer drüben am Mc Donalds.

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